Zukunftsvisionen

Inspiriert von Gesprächen über Web 2.0, die fünfte Macht im Staate und den Weg der USA, haben Frau und Herr Timo sich eine Zukunftsvision zusammengesponnenen. Da diese etwas sehr lang geworden ist, habe ich eine “Herr Timo erzählt” Sonderausgabe draus gemacht.

Es bleibt dem Leser überlassen, ob er lieber den Text selbst lesen oder ihn vorgelesen haben möchte. Weil es eine Sonderausgabe ist, gibt es die Auflösung des Rätsels erst in der nächsten Folge. Nun aber zu der Zukunftsvision eines ganz normalen Tages im Jahr 2023:


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Heute ist der 12. Mai, es ist 03:30h, ich bin gerade aus der Haustür und befinde mich nun auf dem Weg zur Arbeit. Ich schalte meinen PDA an und überprüfe meinen Posteingang, klicke mich durch die Rechnungen und Mahnungen, beantworte schnell ein paar persönliche Briefe und halte zwischendurch beim neuen Kaffee an, was mir per GPS durch den Kiez-Newsfeed angepriesen wird. Ich bezahle mit einem Klick auf das Display meines PDA und mache mich weiter auf den Weg zur Magnetbahn.

Ja, die Magnetbahnen, die neuste technische Errungenschaft der Weltmacht China, die nun in allen Ländern der Verbrüderung installiert worden sind. Nach dem großen Krieg 2015 zwischen dem Abstiegsstaat USA und der neu aufstrebenden Brüderschaft des asiatischen Konglomerats wurde das Monopol Chinas für technische Entwicklungen festgelegt, das jedes Land der Brüderschaft zum Beziehen der Neuentwicklungen aus den Siegerstaaten verpflichtete.

Seit es nach dem Peak Oil im Jahr 2008 keine Autos mehr gibt, ist die Luft in Berlin merklich besser geworden. Der Nachteil ist eindeutig in den überfüllten und ständig überlasteten Bahnen zu sehen. Ich habe offensichtlich Glück am heutigen Morgen und setze mich auf einen freien Platz. Während der vierstündigen Fahrt stelle ich mir kurz meine Nachrichten für jetzt und meine Filmwünsche für den Abend im On-Demand-News-TV Portal der vereinigten Fernsehanbieter zusammen. Zeitungen und andere Printmedien existieren schon lange nicht mehr und die Theorie der fünften Macht im Staate hat sich eindeutig bewahrheitet. Lediglich zwei Konzerne stellen noch die „alten“ Medien dar, der Rest wird durch freie Autoren auf ihren privaten Seiten veröffentlicht. Googempire filtert dann aus der täglichen Flut an Wort und Text das zusammen, was meinem persönlichen Konsumentenprofil entspricht und liefert zusätzlich praktische Einkaufstipps, damit ich meine automatische Kühlschrankbestellung gemäß meines Gustos anpassen und mich über neue Softwareaktualisierungen für all die elektronischen Helfer, die meinen Tag gestalten, informieren kann.

Da gibt es die Überwachungsportale unserer Wohnung, die ein tägliches Sicherheitsupdate brauchen, damit nicht wieder irgendein neuer Trojaner eingeschleust und all unsere Fenster und Türen öffnen kann. Auch die Küche braucht die neuesten Updates, damit die One-klick-to-go Nahrungseinheiten in unserem Mikroofen auch mit der richtigen Strahlenzusammensetzung versorgt werden kann. Der Haushaltsrobo, den wir liebevoll Else nennen braucht ebenfalls ein neues Update, da sie gestern die Schutzfolie doch tatsächlich in den falschen der 23 verschiedenen Mülltrennungsabsaugeinheiten geworfen hat und dadurch eine Verstopfung der Leitungen zum zentralen und Computer gestützten Müllhort verursachte. Laut Hersteller allerdings ein kleiner Bug, der schnell zu beheben wäre.

Für die LSUs meiner Frau und mir, LSU ist die Kurzform für Lymbic-Stimulating-Units, kleine Paddels, die wir uns an den Kopf setzen, wenn wir, naja, wenn wir nett zueinander sein wollen, gibt es ebenfalls ein neues Betriebssystem, womit wir jetzt völlig auf physischen Kontakt verzichten können.

Mitten drin erscheint Herr Dani auf dem 10-Zoll-Display. „Was ist mit dem Videoblog über das Konzert gestern? Hast Du’s schon zusammen geschnitten?“ Fuck, ich wusste doch, da war noch was, was ich erledigen wollte. „Ich schick dir die Rohdaten kurz rüber und Du machst es?“ frage ich zögerlich. Genervt über meine erneut unter Beweis gestellte Unzuverlässigkeit willigt er dennoch ein.

Gesagt, getan und die fünf GB sind im Nu drüben bei ihm. Das gemeinsame Onlineportal für den Freundeskreis, was wir die Kommunität nennen, wollen wir schließlich täglich mit aktuellen Inhalten füttern. Es gibt einen gemeinsamen Kalender für die Abendplanungen und Veranstaltungen, was an ein Videoboard angeschlossen ist, damit wir ständig in Kontakt bleiben können.

In der Zentralklinik für den Norden Deutschlands angekommen, loggt sich mein ständiger Begleiter automatisch ins Hauseigene WLAN ein und ich überfliege schnell die 213 Neuzugänge der letzten Nacht. Diagnosen, Medikationen und Therapieziele der für mich interessanten Fälle werden in übersichtlichen Tabellen auf mein Display geschickt und ich kann sofort mit meiner 49,5 Stunden Schicht beginnen. Leider ist die Einsicht über die Fehler der Zentralisierung der Medizin erst sehr spät eingetreten und im Nachhinein stellt es sich als unmöglich heraus, das altes System mit niedergelassenen Ärzten wieder einzurichten.

In Gedanken bin ich jetzt schon wieder in den 10 Stunden Pause, bei Frau Timo zuhause. Die dann jedoch leider noch mit den Korrekturen der Onlinetestate ihrer Schüler beschäftigt sein wird. Schulen gibt es schon lange nicht mehr. Seit 2009 ist das Online Selbsttraining als Pflichtveranstaltung für alle ehemalig „Schulpflichtigen“ eingeführt worden. Frau Timo beschäftigt sich den gesamten Vormittag damit, ihre Online Powerpoint Präsentationen zu erstellen, die dann in festgelegten Unterrichtseinheiten online live von ihr präsentiert werden.

An den Nachmittagen ist sie mit der Korrektur der Onlineklausuren beschäftigt und kümmert sich um die individuellen Beschäftigungsvorschläge für ihre Schüler. Ein Service, der seit 2011 mit der Totalprivatisierung aller Bildungsinstanzen mit eingerichtet worden ist. Schließlich muss der zahlenden Kundschaft für ihre 2000€ im Monat pro Kind auch etwas geboten werden.

Ist sie dann auch mit ihrer Arbeit fertig, werden wir wieder einmal nur wenige Stunden Zeit für einander haben, bis ich erneut meinen Dienst antreten muss. Leider sind wir in der Zeit auch wirklich alleine. Die Produktionsfirma unseres Retortenbabies hat aufgrund der gesetzlich vorgeschriebenen Produktionsmindestanzahl an Nachwuchs für den, für gut befundenen Bevölkerungsteil, eine Lieferverzögerung von derzeit 10,5 Monaten.

Vorher mussten wir uns noch dem Test für genetisch Reinheit und Regimekonformität unterziehen, dessen Prüfung leider fünf Jahre gedauert hat, da Frau Timos Hypersensibilität gegenüber Wespengift zunächst als genetische bedenklich eingestuft worden ist. Doch jetzt steht unserem Glück nichts mehr im Wege und wir werden endlich eine richtige Familie sein.



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One Response to “Zukunftsvisionen”

  1. a gravatar 1 dfusion

    PDA? Ja wie? So nen alten kram? *tz*

    Und für das “Fuck” mal bitte 50 KP’s in die Paypal Kasse.

    Sehr schön erklärt unsere “Zukunft”, ihr habt mir da mal wieder gutes Futter gegeben. Ich lasse das mal auf mich wirken…

  1. 1 Drogen? at Herr Timo beim Hirnkaries


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